Cannabis-Studie: Kommerzielle Märkte treiben problematischen Konsum – Deutschland bislang kaum betroffen
Bath/London, 20. Juni 2026
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Kurzfassung
Eine internationale Studie unter Leitung der Universität Bath zeigt, dass eine begrenzte Legalisierung von Cannabis den Konsum nicht automatisch steigert – in kommerzialisierten Märkten wie den USA und Kanada aber sehr wohl. Für Deutschland sehen die Forscher bislang keinen deutlichen Anstieg, mahnen aber zur genauen Beobachtung.
Bath/London, 20. Juni 2026
Eine Studie unter Leitung der britischen Universität Bath zeigt, dass eine starke Kommerzialisierung des Cannabismarktes das Risiko für problematischen Konsum, Abhängigkeit und Krankenhauseinweisungen wegen Psychosen erhöht, während eine begrenzte Legalisierung allein den Konsum nicht zwingend steigert.
Was die Studie untersuchte
Forschende der britischen Universität Bath haben gemeinsam mit internationalen Kolleginnen und Kollegen systematisch ausgewertet, wie sich Änderungen der Cannabis-Politik zwischen 2000 und 2025 auf die Häufigkeit psychischer Störungen und auf Krankenhauseinweisungen wegen Psychosen ausgewirkt haben. Die Ergebnisse wurden im Fachmagazin The Lancet Psychiatry veröffentlicht. Das Team schaute sich unter anderem an, wie sich Änderungen in der Cannabis-Politik in verschiedenen Ländern im Zeitraum zwischen 2000 und 2025 darauf ausgewirkt haben, wie häufig psychische Störungen vorkommen oder wie oft Menschen wegen Psychosen ins Krankenhaus eingewiesen werden.
Ein zentrales Ergebnis: Eine gewisse Legalisierung erhöht den Konsum nicht automatisch, ein kommerzialisierter Cannabismarkt aber eher schon. „Wir haben kaum Anhaltspunkte für Veränderungen im Konsum nach der Entkriminalisierung oder einer streng kontrollierten Legalisierung gefunden“, sagte der federführende Autor Tom Freeman. In Europa, Afrika und Ozeanien, wo politische Änderungen bislang deutlich kleiner und begrenzter ausfielen als in den USA und Kanada, konnten die Forschenden keinen direkten Zusammenhang zwischen Legalisierungsschritten und einem Anstieg von Konsum oder Erkrankungen feststellen.
USA und Kanada: Konsum steigt mit dem Markt
Anders ist es der Studie zufolge in Kanada und in vielen Bundesstaaten der USA, wo Cannabis legal – und kommerziell – verkauft werden darf. Dort habe der Konsum der Droge zugenommen, und es gebe auch mehr Menschen, die von der Droge nicht mehr loskommen und krank werden. Problematischer Konsum von Cannabis nahm in den USA und Kanada besonders zu, wenn sich der Verkauf von Cannabis-Produkten im Einzelhandel ausweitete. In den USA konsumieren demnach inzwischen mehr Menschen jeden Tag Cannabis als Alkohol.
Das Risiko, insbesondere mit Blick auf gesundheitlich problematischen Konsum, scheint allerdings dann zu steigen, wenn die Legalisierung einen stark kommerzialisierten Markt für Cannabis hervorbringt, etwa mit speziellen Shops für Cannabis-Produkte. In den USA und Kanada konnte das Team zudem einen Anstieg der Krankenhausaufenthalte wegen Psychosen und psychotischen Störungen bei Menschen mit problematischem Cannabis-Konsum erkennen. Die USA und Kanada gelten dem Team zufolge als Beispiele für solche Märkte.
Jugendliche und psychische Gesundheit
Eine 2024 im Fachjournal „Psychological Medicine“ vorgestellte Untersuchung hatte zuvor bereits ergeben, dass die meisten Jugendlichen, bei denen eine psychotische Störung diagnostiziert wird, in der Vorgeschichte Cannabis konsumiert hatten. Studien belegen einen Zusammenhang zwischen Cannabis-Konsum von Jugendlichen und psychotischen Störungen. Die neue Lancet-Psychiatry-Analyse legt nahe, dass dieser Zusammenhang möglicherweise noch stärker ausfällt als bislang angenommen.
Deutschland: ähnlich wie Uruguay?
Im April 2024 wurde Cannabis in Deutschland teilweise legalisiert. Erwachsene dürfen seither unter anderem bis zu drei Pflanzen in Privatwohnungen anbauen, bis zu 50 Gramm Cannabis zu Hause und bis zu 25 Gramm in der Öffentlichkeit besitzen sowie nicht-kommerziellen Anbauvereinigungen mit bis zu 500 Mitgliedern beitreten. Damit ähnelt das deutsche Modell in Teilen dem uruguayischen: Uruguay, das 2013 als erstes Land der Welt Cannabis vollständig legalisiert hat, erlaubt Erwachsenen den Kauf in Apotheken und unter bestimmten Bedingungen den Eigenanbau. Ähnlich wie bei uns in Deutschland können Erwachsene Cannabisprodukte in Apotheken kaufen oder unter bestimmten Bedingungen selbst anbauen. Der Verkauf wird dort aber streng kontrolliert. Das hat in Uruguay die Nutzung von Cannabis laut der Studie kaum verändert.
Für Deutschland sieht Freeman bislang keinen deutlichen Anstieg: 2025 seien keine signifikanten Veränderungen im Konsum seit der Legalisierung beobachtet worden, sagte der Studienautor. Die Entkriminalisierung sei positiv zu bewerten, sagte auch der Psychiater Bastian Willenborg bei Deutschlandfunk Nova. Er betonte zugleich, dass der Konsum von Cannabis durch die Legalisierung vor zwei Jahren nicht gestiegen sei. Der kommissarische Leiter des Bundesinstituts, Nießen, forderte damals, die Entwicklung sehr aufmerksam zu beobachten.
Wachsende Potenz und Warnungen
Freeman verwies darauf, dass der geringe Kommerzialisierungsgrad in Deutschland Veränderungen im Konsumverhalten möglicherweise ebenfalls begrenzen könnte. „Angesichts der sich rasch wandelnden globalen Cannabis-Politik ist es zunehmend wichtiger, sich zu fragen, wie sich die Politik ändern wird, anstatt ob sie sich überhaupt ändern wird. Die Art der politischen Veränderung ist entscheidend“, sagte Freeman. Wegen der kurzen Zeitspanne sei jedoch eine weitere Bewertung notwendig.
Zugleich enthält die Studie mahnende Befunde: In den USA und Kanada habe die Potenz des konsumierten Cannabis seit der Legalisierung zugenommen, also der Anteil des berauschenden Wirkstoffs THC. Cannabis birgt besonders für jüngere Altersgruppen erhebliche Risiken. Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit warnt, Cannabiskonsum könne die Gehirnentwicklung beeinträchtigen, zu Konzentrations- und Gedächtnisproblemen führen und die Gesundheit langfristig gefährden. Danach ist der Cannabis-Konsum bei jungen Erwachsenen heute sehr viel weiter verbreitet als vor zehn Jahren.
Auch Willenborg hält die Prävention bei Jugendlichen für besonders wichtig. Er ergänzte, dass der Konsum für junge Menschen besonders gesundheitsschädlich sei, da ihr Gehirn sich noch in der Entwicklung befinde. Die Forschenden betonen, dass die Studie nicht untersucht habe, ob die Zahl der Alkoholsüchtigen durch veränderte Cannabis-Regelungen abgenommen habe. In den USA gebe es Hinweise, dass der tägliche Cannabiskonsum den täglichen Alkoholkonsum in der Häufigkeit überholt habe.
Insgesamt ordnen die Forschenden ihre Ergebnisse als differenziert ein: Eine Legalisierung per sei kein Treiber für mehr Konsum; entscheidend sei die konkrete Ausgestaltung. In den USA und Kanada sei der Markt so umgestaltet worden, dass kommerzielle Anreize den Konsum und seine negativen Folgen verstärkten. In Deutschland und anderen europäischen Ländern sei das Modell bisher deutlich restriktiver angelegt. Das gelte auch für Länder, in denen der Konsum von Cannabis nur entkriminalisiert wurde. Eine erneute, genauere Bewertung in einigen Jahren soll zeigen, ob die bislang moderaten Trends in Deutschland stabil bleiben.
Was bleibt von der Studie
Für die politische Debatte bedeutet das: Die Autorinnen und Autoren sprechen sich nicht gegen Legalisierungsschritte aus, plädieren aber für strikte Regulierung, Begrenzung kommerzieller Anreize und einen klaren Jugendschutz. Kommerzialisierter Cannabis-Markt fördert Problem-Konsum, so die Kernbotschaft. In den USA zeigt sich, dass ein Markt mit spezialisierten Shops, aggressiver Produktpalette und steigender THC-Konzentration das Risiko für Abhängigkeit und psychische Erkrankungen erhöhen kann – Befunde, die nach Ansicht der Forschenden bei künftigen Reformen berücksichtigt werden sollten.
Die Studie selbst wurde von einem internationalen Team unter Beteiligung der Universität Bath durchgeführt; das genaue Veröffentlichungsdatum im Lancet Psychiatry wird in den vorliegenden Quellen nicht abschließend genannt. Die Quellen verweisen zudem auf den APA-Beitrag vom 20. Juni 2026 als Grundlage der Berichterstattung, die am 19.06.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet wurde. Etwas andere Zahlen hat vor neun Monaten das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit veröffentlicht – ein Hinweis darauf, dass Erhebungen zu Cannabis-Konsum in Deutschland methodisch voneinander abweichen können.
Was bleibt, ist ein differenziertes Bild: Cannabis-Politik ist nicht gleich Cannabis-Politik. Während stark kommerzialisierte Märkte in Nordamerika mit steigender Potenz, wachsendem täglichen Konsum und mehr Klinikaufnahmen wegen Psychosen auffallen, zeigen die Daten für Europa, Afrika und Ozeanien sowie für das bisherige deutsche Modell bislang kaum negative Effekte. Die Forschenden sehen darin vor allem eine Aufforderung, künftige Reformen vorsichtig und mit Blick auf kommerzielle Strukturen zu gestalten.
Fragen & Antworten
Wer hat die Cannabis-Studie geleitet?
Die Studie wurde von einem internationalen Team unter Leitung der britischen Universität Bath durchgeführt; federführender Autor ist Tom Freeman.
Was zeigt die Studie zu Deutschland seit der Teillegalisierung 2024?
Tom Freeman erklärte, dass bis 2025 keine signifikanten Veränderungen im Konsum beobachtet wurden, verwies aber auf die kurze Zeitspanne und die Notwendigkeit weiterer Bewertung.
Warum gelten die USA und Kanada in der Studie als Risikofälle?
Dort ist Cannabis weitgehend legal und kommerziell in spezialisierten Shops erhältlich; die Forschenden beobachten dort steigenden problematischen Konsum, höhere THC-Gehalte und mehr Klinikaufnahmen wegen Psychosen.