Anthropic vs. Alibaba: Vorwurf der KI-Kopier-Attacke auf Claude
San Francisco, 25. Juni 2026
Software: Anthropic PBC
Artwork and Screenshot:
VulcanSphere / Wikimedia Commons / Public domain
Kurzfassung
Das KI-Unternehmen Anthropic wirft dem chinesischen Konzern Alibaba eine großangelegte, unrechtmäßige Kopier-Attacke auf seine Software Claude vor. In einem Brief an US-Senatoren fordert die Firma ein härteres Vorgehen gegen chinesische Firmen und mehr Freiheit für amerikanische KI-Unternehmen, sich gegenseitig vor solchen Attacken zu warnen.
Das US-KI-Unternehmen Anthropic hat dem chinesischen Internetkonzern Alibaba vorgeworfen, in großem Stil unrechtmäßig die Fähigkeiten seiner KI-Software Claude abgegriffen zu haben, und in einem Brief an US-Senatoren schärfere politische Maßnahmen verlangt.
Die Vorwürfe im Detail
Die KI-Firma Anthropic wirft dem chinesischen Alibaba-Konzern einen großangelegten Versuch vor, widerrechtlich Fähigkeiten ihrer Software mit Künstlicher Intelligenz abzugreifen. Wie aus einem von der „Financial Times" veröffentlichten Brief an amerikanische Senatoren hervorgeht, fordert Anthropic deswegen vom US-Kongress Maßnahmen, die solche Attacken verhindern sollen.
Dabei griffen die Angreifer dem Schreiben zufolge zu einer unter dem Begriff „Destillation" bekannten Methode, bei der Entwickler neuer Software diese mit Künstlicher Intelligenz von einem bereits existierenden Modell anlernen lassen. Über dieses Verfahren wollten sie mehr über zentrale Aspekte wie den Aufbau der Software und deren Logik beim Ausführen von Aufgaben erfahren. Solche Zugriffe sind gemeinhin in Nutzungsbedingungen untersagt.
Forderungen an den US-Kongress
Dem Brief zufolge interagierten mit Alibaba verbandelte Angreifer über nahezu 25.000 betrügerische Accounts von Ende April bis Anfang Juni fast 29 Millionen Mal mit Anthropics KI-Software Claude. Die Sorge ist, dass KI für Cyberattacken verwendet werden könnte. Anthropic erklärte, es seien lediglich kleinere Modelle betroffen gewesen; die zentralen Systeme seien nicht kompromittiert worden. Alibaba äußerte sich zunächst nicht zu den Vorwürfen.
Anthropic konterte, die Probleme seien nicht schwerwiegend. Zugleich forderte Anthropic vom Kongress unter anderem ein härteres Vorgehen gegen chinesische Unternehmen, die zur „Destillation" greifen. Auch sollten amerikanische KI-Firmen die Freiheit bekommen, einander vor solchen Attacken zu warnen.
Anthropic im eigenen Konflikt mit Washington
Die Vorwürfe sind nicht neu. Anthropic wirft chinesischen Unternehmen bereits seit Längerem vor, sich mittels Destillation unzulässig Wissen aus westlichen KI-Modellen anzueignen. Mit dem aktuellen Schreiben verschärft die Firma nun ihre politische Gangart und macht zugleich Druck auf die US-Gesetzgeber.
Parallel dazu befindet sich Anthropic selbst in einem Konflikt mit der US-Regierung. Diese zwang die Firma jüngst, deren Top-Software mit Künstlicher Intelligenz vorläufig vom Markt zu nehmen. Die US-Regierung begründete den Schritt mit Hinweis auf angebliche Sicherheitslücken, über die Beschränkungen des KI-Programms mit dem Namen „Fable 5" hätten umgangen werden können. Bei dem Programm ist unter anderem die Fähigkeit zur Suche nach Sicherheitslücken in anderer Software blockiert. Verhandlungen mit der US-Regierung zu der Sperre laufen noch.
Nvidia und der Streit um China-Exporte
Anthropic gehört zu den schärfsten Rivalen von OpenAI, dem Entwickler von ChatGPT, und zählt zu den führenden KI-Unternehmen in den Vereinigten Staaten. In dem aktuellen Brief bekräftigt die KI-Firma zugleich den Konfrontationskurs zum Chip-Schwergewicht Nvidia. Das Unternehmen wirbt bei der US-Regierung dafür, auch die Ausfuhr leistungsstärkerer KI-Systeme nach China zu erlauben. Anthropic fordert hingegen, den Zugang chinesischer Firmen zu Technologien wie KI-Chips weiter einzuschränken.
Auch Branchengrößen außerhalb Anthropics sehen Destillation kritisch. Der Tech-Milliardär Elon Musk räumte erst kürzlich in einem Gerichtsverfahren ein, selbst die Destillations-Technik genutzt zu haben, um seinen KI-Chatbot Grok mit Modellen von OpenAI zu trainieren. Das Verfahren hatte damit auch innerhalb der US-Tech-Branche eine breitere Debatte über die Grenzen zulässigen Modelltrainings ausgelöst.
Destillation auch in den USA umstritten
Die Vorwürfe gegen Alibaba fallen in eine Phase wachsender politischer Spannungen zwischen Washington und Peking im Bereich Künstlicher Intelligenz. Auf beiden Seiten stehen Vorwürfe unerlaubter Technologietransfers im Raum. Die US-Regierung verhängt seit geraumer Zeit Exportbeschränkungen für Hochleistungs-KI-Chips nach China, während chinesische Firmen ihrerseits verstärkt eigene Modelle entwickeln, die nicht auf westlicher Hardware basieren.
Mit seinem Brief an die Senatoren versucht Anthropic nun, diese politische Linie zu beeinflussen. Das Unternehmen verlangt nicht nur strengere Regeln gegen chinesische Firmen, sondern auch die rechtliche Absicherung, dass sich amerikanische KI-Unternehmen untereinander vor Angriffen wie der mutmaßlichen Destillation-Attacke warnen dürfen. Damit würde ein Informationsaustausch ermöglicht, der heute durch Wettbewerbsrecht und Kartellvorschriften eingeschränkt ist.
Politische Dimension und Ausblick
Beobachter werten das Vorgehen als Teil einer breiteren Strategie, in der US-KI-Firmen ihre Marktposition durch politische Forderungen absichern wollen. Anthropic profitiert dabei von seinem Image als sicherheitsorientiertes Unternehmen, das früh auf die Risiken Künstlicher Intelligenz hingewiesen hat. Gleichzeitig wirft die enge Verzahnung zwischen kommerziellen Interessen und sicherheitspolitischer Rhetorik Fragen auf.
Alibaba gehört zu den größten Cloud- und KI-Anbietern Chinas und investiert Milliarden in eigene KI-Modelle, die international zunehmend an Bedeutung gewinnen. Sollten sich die Vorwürfe gegen das Unternehmen erhärten, könnte dies die laufenden Verhandlungen über Exportgenehmigungen für KI-Chips weiter erschweren. Alibaba selbst hat sich bisher nicht inhaltlich zu den Vorwürfen geäußert.
Unklar ist bislang, welche konkreten rechtlichen Schritte Anthropic gegen Alibaba einleiten will. Auch bleibt offen, ob die US-Regierung auf die Forderungen aus dem Brief eingehen wird. Fest steht, dass die Auseinandersetzung den Wettbewerb zwischen US- und chinesischen KI-Firmen auf eine neue politische Ebene hebt – weg von technischen Standards hin zu einer sicherheits- und geopolitisch geprägten Debatte.
Anthropics Schreiben markiert daher nicht nur einen weiteren Konflikt mit einem chinesischen Wettbewerber, sondern auch den Versuch, in Washington politisches Kapital aus dem Vorgang zu schlagen. Ob die Forderungen nach mehr Kooperation unter US-Firmen und schärferen Regeln gegen China tatsächlich Gesetzeskraft erlangen, hängt nun vom Kongress und von der weiteren Entwicklung der laufenden Verhandlungen mit der US-Regierung über „Fable 5" ab.
Fragen & Antworten
Was wirft Anthropic Alibaba konkret vor?
Anthropic wirft Alibaba vor, dass mit dem Unternehmen verbandelte Angreifer zwischen Ende April und Anfang Juni über rund 25.000 betrügerische Accounts fast 29 Millionen Mal mit der KI-Software Claude interagiert und dabei die sogenannte Destillations-Methode genutzt haben, um Fähigkeiten des Modells abzugreifen.
Welche Forderungen richtet Anthropic an den US-Kongress?
Anthropic fordert ein härteres Vorgehen gegen chinesische Unternehmen, die Destillation einsetzen, sowie die Freiheit für amerikanische KI-Firmen, sich gegenseitig vor solchen Attacken zu warnen. Außerdem soll der Zugang chinesischer Firmen zu KI-Chips weiter eingeschränkt werden.
In welchem eigenen Konflikt mit der US-Regierung steht Anthropic?
Die US-Regierung hat Anthropic gezwungen, die KI-Software „Fable 5" vorläufig vom Markt zu nehmen, weil sie Hinweise auf Sicherheitslücken anführt, durch die Beschränkungen hätten umgangen werden können. Verhandlungen zwischen Anthropic und der Regierung über die Sperre laufen noch.
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