Eriksen bricht erneut auf dem Platz zusammen: Defibrillator greift ein, Zustand stabil
Odense, 09. Juni 2026
Chris 0023 from Lyngby, Denmark / Wikimedia Commons / CC BY-SA 2.0
Kurzfassung
Christian Eriksen ist am Sonntagabend während des Länderspiels Dänemark gegen die Ukraine in Odense auf dem Platz zusammengebrochen, fünf Jahre nach seinem Herzstillstand bei der EM 2021. Der implantierte Defibrillator habe einen Schock ausgelöst, der seinen Herzrhythmus normalisiert habe; Eriksen ist inzwischen bei seiner Familie.
Der dänische Fussballer Christian Eriksen ist am Sonntagabend beim Länderspiel Dänemark gegen die Ukraine in Odense auf dem Rasen zusammengebrochen, rund fünf Jahre nach seinem Herzstillstand bei der EM 2021.
Der Vorfall in Odense
Der Vorfall ereignete sich in der 65. Minute, als der 34-Jährige zu Boden ging und kurzzeitig das Bewusstsein verlor. Mitspieler bildeten einen Kreis um den Mittelfeldspieler, Bilder, die unmittelbar an jene Szene aus Kopenhagen im Juni 2021 erinnerten, als Eriksen während der Partie gegen Finnland reanimiert werden musste. Die Begegnung wurde beim Stand von 2:1 für Dänemark abgebrochen, beide Mannschaften hätten sich «schnell einig» gezeigt, wie der dänische Verband DBU mitteilte.
Nach Angaben des dänischen Nationalmannschaftsarztes Morten Boesen hat der bei Eriksen implantierte Defibrillator seine Aufgabe erfüllt: «Der Herzrhythmus war wieder normal, nachdem der Herzschrittmacher seine Aufgabe erfüllt hatte.» Eriksen habe sich an die Brust gefasst und «Au!» oder etwas Ähnliches gerufen, schilderte Boesen. Wenig später sei der kurzzeitig bewusstlose Spieler wieder zu sich gekommen und habe das Spielfeld aus eigener Kraft verlassen können.
Eriksens erste Stellungnahme
Eriksen wurde mit dem Krankenwagen in ein Spital in Odense gebracht, das Spiel wurde nicht mehr fortgesetzt. Rund 22 Stunden nach dem Zusammenbruch meldete sich Eriksen über Instagram zu Wort: «Ich möchte jeder wissen lassen, dass es mir gut geht und dass ich zu Hause mit meiner Familie bin.» Der Schock seines ICD habe «erhebliche Auswirkungen» für ihn und seine Familie gehabt, schrieb er, doch sei die Situation «eine andere gewesen als 2021». Wörtlich ergänzte er: «Ich fühle mich gut und meine Genesung hat bereits begonnen».
Der Sportkardiologe Christian Schmied vom Zürcher Herzgefäss-Zentrum im Park, der am Unispital Zürich die Forschungsgruppe für Sportkardiologie leitet, bewertet die Wiederholung des Vorfalls als erwartbar. «Es ist keine Überraschung, dass es wieder passiert ist. Denn die Herzkrankheit, die den Herzstillstand vor fünf Jahren ausgelöst hat, wurde ja nicht geheilt, die ist immer noch vorhanden.» Das damalige Ereignis war ein sogenanntes Kammerflimmern, also ein lebensbedrohliches Flimmern der Herzkammern.
Was die Medizin sagt
Schmied hält es für wahrscheinlich, dass Erikseps Kammerflimmern Folge einer früheren Herzmuskelentzündung war. Auch fünf Jahre nach der Implantation bleibe das Risiko bestehen, dass der zugrundeliegende Defekt den Herzrhythmus erneut entgleisen lässt. Ein implantierter Defibrillator messe kontinuierlich die elektrische Erregung des Herzens und könne bei zu schnellem Rhythmus mit eigenen Impulsen gegensteuern.
Welche konkrete Ursache der erneute Kollaps hatte, ist bisher nicht abschliessend geklärt. Der dänische Verband verwies auf den Standort des ICD, der in der Regel im Bereich des linken Brustmuskels direkt über dem Herzen platziert wird. Professor Gunnar Gislason, Forschungsdirektor der dänischen Kardiologie-Vereinigung, erklärte, eine Dehydrierung oder ein leichter Infekt könnten einen zu schnellen Rhythmus ausgelöst und den ICD aktiviert haben. Der Schock selbst werde von Betroffenen häufig «als würde man einen Tritt von einem Pferd gegen die Brust bekommen» beschrieben.
Boesen betonte, dass es in den vergangenen Wochen und Monaten keinerlei Hinweise auf ein Herzproblem gegeben habe: «Dann hätten wir ihn nicht spielen lassen.» Über die Zukunft von Eriksen im Nationaltrikot wollte der Verband nicht spekulieren. DBU-Sportdirektor Peter Möller sagte, die Frage, ob Eriksen seine Karriere fortsetze, sei «absolut legitim», die Antwort müsse aber Eriksen selbst geben: «Das muss Christian beantworten. Ich weiss es nicht.»
Reaktionen aus Dänemark und Wolfsburg
Der Sportpsychologe und die nationale Fussball-Vereinigung Dänemarks haben den Spielern psychologische Betreuung angeboten. Wie schon 2021 steht ein Krisenteam bereit, das «am einzelnen Spieler» liege, den Kontakt zu suchen. Möller, der bereits 2021 in Kopenhagen auf der Tribüne sass, schilderte seine Gefühle mit Blick auf den Vorfall: «Es war dasselbe Gefühl. Dasselbe Gefühl der Ohnmacht. Es hatte fünf Jahre lang in mir geschlummert.»
Mitspieler wie Joakim Maehle, der ebenfalls für den VfL Wolfsburg spielt, und Andreas Christensen vom FC Barcelona, die schon 2021 dabei gewesen waren, wurden weinend auf dem Rasen gezeigt. Eriksens Ehefrau Sabrina Kvist Jensen, die den Profi schon 2021 begleitet hatte, war auch diesmal an seiner Seite. Möller sagte, der Verband habe «sichergestellt, dass niemand allein nach Hause fährt».
Auch in Dänemark löste der Vorfall Bestürzung aus. Ministerpräsidentin Mette Frederiksen liess ausrichten: «Meine herzlichsten Gedanken sind bei Christian Eriksen und allen Betroffenen um ihn herum. Das ist ein grosser Schreck. Und eine grosse Erleichterung, dass es ihm den Umständen entsprechend gut geht.» Der VfL Wolfsburg schrieb auf X: «Wir denken an dich, Christian» und signalisierte engen Austausch mit dem dänischen Verband.
Körperliche Belastung und Risiko
Der VfL Wolfsburg plant unterdessen Gespräche mit Eriksen über seine Zukunft. Ursprünglich war für diese Woche ein Treffen vorgesehen, bei dem es auch darum gehen sollte, ob sich der dänische Rekordnationalspieler «auch nach dem Bundesliga-Abstieg vorstellen kann, weiter für den Volkswagen-Club zu spielen». Der Klub steigt in dieser Saison aus der Bundesliga ab. Geschäftsführer Dieter Hecking sagte dem NDR: «Im ersten Moment war es ein Schock, weil wir alle die Bilder von 2021 noch vor Augen haben.»
Schmied sieht in dem Fall einen generellen Hinweis auf die Grenzen der Sportmedizin. Versteckte Probleme mit den Herzkranzgefässen würden selbst bei einem Belastungs-EKG leicht übersehen, besonders bei älteren Sportlern. Er empfiehlt ab 35 bis 40 Jahren eine persönliche Risikoabschätzung, bei Bedarf mit Koronar-CT oder Ultraschall der Halsschlagader. Für Jugendliche, die regelmässig Sport treiben, rät er ab 12 bis 13 Jahren alle zwei Jahre zu einer Kontrolluntersuchung mit EKG, kurzem Gespräch und Untersuchung. So liessen sich «über 90 Prozent der entsprechenden zugrunde liegenden Leiden frühzeitig erkennen».
Statistisch gesehen sind schwere kardiale Ereignisse im Spitzensport selten. Unter 100'000 Sportlern unter 30 bis 35 Jahren erleben zwei bis sechs pro Jahr einen plötzlichen Herzstillstand oder Herztod, meistens wegen angeborener, genetischer Probleme. Eine grosse Datenbank, in der über solche Fälle Buch geführt wird, zeigt, dass bei über tausend aktiven Sportlern mit implantiertem Defibrillator seit vielen Jahren kein einziges Geräteversagen dokumentiert wurde.
Offene Fragen zur Zukunft
Erikseps Zusammenbruch wirft auch eine versorgungstechnische Frage auf: Die eigentliche Notfallfunktion des Defibrillators greift in der Regel erst, wenn das Herz flimmert. Dass ein ICD bei einem Kammerflimmern erst einsetzt, wenn der Patient bereits ohnmächtig ist, «ist auch alles andere als ungewöhnlich». Boesen hatte bereits am Sonntagabend erklärt, Eriksens Herzrhythmus sei «möglicherweise erneut gestört» gewesen, woraufhin das Gerät einen Schock abgegeben habe.
Der weitere sportliche Fahrplan für Eriksen bleibt offen. Weder Dänemark noch die Ukraine hätten sich für die kommende WM qualifiziert, hiess es. Eriksen ist mit 142 Länderspielen dänischer Rekordnationalspieler und nach Stationen bei Inter Mailand und Manchester United im vergangenen September zum VfL Wolfsburg gewechselt. Bei der EM 2021 hatte er unmittelbar nach dem Vorfall einen Herzschrittmacher implantiert bekommen und seine Karriere rund ein halbes Jahr später fortsetzen können.
Bildlich bleibt für viele Beobachter die Szene aus Kopenhagen, die sich am Sonntag in Odense wiederholte. «Die Bilder von Fussballern, die einen Kreis um den Verunfallten bildeten und von denen einige weinten» stehen für eine kollektive Erschütterung, die weit über den Sport hinausreicht.
Fragen & Antworten
Was ist bei Christian Eriksen am Sonntagabend passiert?
Der 34-jährige dänische Mittelfeldspieler brach in der 65. Minute des Länderspiels Dänemark gegen die Ukraine in Odense auf dem Platz zusammen. Sein implantierter Defibrillator löste einen Schock aus, der den Herzrhythmus normalisierte; Eriksen kam kurz darauf wieder zu Bewusstsein und wurde in ein Spital gebracht.
Warum war der Vorfall nach Einschätzung des Sportkardiologen Christian Schmied keine Überraschung?
Schmied erklärte, die zugrundeliegende Herzerkrankung, die 2021 das Kammerflimmern ausgelöst habe, sei nicht geheilt worden. Ein implantierter Defibrillator könne den Rhythmus korrigieren, beseitige aber die Ursache nicht, weshalb weitere Episoden möglich blieben.
Wie geht es Christian Eriksen jetzt, und ist seine Karriere weiter offen?
Eriksen meldete sich am Montagabend über Instagram aus dem Kreis seiner Familie und schrieb, es gehe ihm gut. Ob er seine Karriere fortsetzt, ist offen; DBU-Sportdirektor Peter Möller sagte, diese Entscheidung müsse Eriksen selbst treffen.
Eriksen erneut kollabiert: Defibrillator löst Schock aus | nachrichten360